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Gichin Funakoshi, der Vater und Begründer des modernen Karate, wurde 1869 auf Okinawa als einziger Sohn einer einfachen Samurai-Familie geboren. Sein Vater war ein Meister im Kampf mit dem okinawanischen Stock (Kon). Seine Kindheit verbrachte er bei seinem Grossvater, einem bekannten konfuzianischen Gelehrten, Philosophen und Mönch. Von ihm lernte er vieles über konfuzianische und buddhistische Philosophie.
Schon als junger Teenager begann er bei Meister Anko Azato mit dem Unterricht in Karate Do. Anko Azato und Yasutsune Itosu waren überaus strenge Lehrer und für den jungen Gichin war es eine sehr harte Zeit. Zudem war Karate damals noch verboten und musste im geheimen und nachts geübt werden. Funakoshi bildete sich zum Schullehrer aus und arbeitete zunächst als Hilfslehrer in Shuri und später als Hauptlehrer in Naha. Jeden Tag aber übte er Karate Do bei seinen Lehrern Anko Azato und Yasutsune Itosu und wurde schliesslich selber zu einem Meister. Noch zu Lebzeiten seiner beiden Lehrer lehrte er Karate Do sowohl in Schulen in Shuri als auch in Naha und erlangte bald einen ausgezeichneten Ruf. Als Spätvierziger schliesslich hängte er seinen Schullehrerberuf an den Nagel und widmete sich ausschliesslich dem Karate Do. Als der damalige japanische Thronfolger, der spätere Kaiser Hirohito, auf Okinawa eine Karate-Vorführung erlebte und in Tokio davon berichtete, berief das japanische Schulministerium schliesslich Gichin Funakoshi 1922 nach Japan, damit er seine Kunst vor Autoritäten auf dem Gebiet der Kampfkünste und des Schulwesens demonstriere. In der Folge wurde Karate Do experimentell in die Ausbildung aufgenommen, beispielsweise an der Keio-Universität in Tokio, wo das erste Dojo (Saal für Meditation und Übungen in den Kampfkünsten) entstand. Unter dem Einfluss Gichin Funakoshis folgten weitere Universitäten dem Beispiel, unter anderen auch die Takushoku-Universität. Bereits vor dem zweiten Weltkrieg wurde die Weltöffentlichkeit auf die Kampfkunst Karate aufmerksam und begann sich daran zu interessieren. Nun brauchte man jemanden, der die Botschaft des Karate in die Welt hinausbrachte. Als überaus intelligenter und gebildeter Mann, Meister der Kalligrafie und der Dichtkunst, rhetorisch, didaktisch und kulturell hervorragend ausgebildet und ausserordentlich gewandt, war Gichin Funakoshi dafür geradezu prädestiniert.
Er verstand es auch sehr gut, das immense technische Wissen, das er von Meister Yasutsune Itosu erhalten hatte, mit den traditionellen und strengen Ansichten von Meister Anko Azato zu verbinden. Trotz allen modernen und fortschrittlichen Ideen und Ansichten vieler Meister und Schüler des Karate Do, blieb Gichin Funakoshi seinen tief traditionellen Ansichten treu. 1935 erschien sein Buch Karate Do Kyohan, schlicht das Lehrbuch über Shotokan Karate Do. Ein Jahr später eröffnete Gichin Funakoshi die erste Karate Do Schule in Tokio. Aus dieser Schule, die bis in höchste Kreise einen hervorragenden Ruf genoss, kamen schliesslich Funakoshis beste Schüler hervor: Takeshi Shimoda, Shigeru Egami, Genshin Hironishi und Gigo Funakoshi, Gichin Funakoshis dritter Sohn. Es ist übrigens einer Anregung Jigoro Kanos, dem Begründer des Judo, mit dem Gichin Funakoshi eine tiefe Freundschaft verband, zu verdanken, dass schliesslich auch im Karate Do Kyu- und Dan-Grade eingeführt wurden. Gichin Funakoshi ergänzte auch das Dojo Kun seines Lehrers Anko Azato durch zwanzig eigene Grundsätze: - Karate-Do wa rei ni hajimari, rei ni owaru koto o wasuruna! "Karate beginnt und endet mit Respekt!"
- Karate ni sente nashi! "Karate kennt keinen Angriff!" Dieser Grundsatz wird auch dadurch versinnbildlicht, dass jede Kata mit einer Verteidigungstechnik beginnt.
- Karate wa gi no tasuke! "Karate unterstützt die Gerechtigkeit!"
- Mazu jiko wo shire, shikoshite tao wa shire! "Erkenne dich selbst zuerst, und erst dann andere!"
- Gijutsu yoi shinjutsu! "Intuition ist wichtiger als reine Technik!"
- Kokoro wa hanatan koto wo yosu! "Lass deinen Geist gehen, indem du ihn befreist!"
- Wazawai wa getai ni shozu! "Unglück geschieht stets aus Nachlässigkeit!"
- Dojos no mino karate to omou na! "Denke nicht, dass Karate nur im Dojo stattfindet!"
- Karate no shugyo wa issho de aru! "Die Ausübung des Karate ist eine Lebensaufgabe ohne Begrenzung!"
- Arai-yuru mono wo karateka seyo, soko ni myomi ari! "Verbinde alles was du tust mit Karate, dann wirst du Myo (die geistige Kraft die einem jeden den Zauber, die Mystik und das Wunderschöne des Lebens offenbart) finden!"
- Karate wa yu no goto shi taezu netsudo wo ataezareba moto no mizu ni kaeru! "Wahres Karate ist wie heisses Wasser, das abkühlt, wenn Du es nicht beständig wärmst!"
- Katsu kangae wa motsu na makenu kangae wa hitsuyo! "Denke nicht ans Gewinnen, doch denke darüber nach, wie Du nicht verlierst!"
- Tekki ni yotte tenka seyo! "Verändere deine Verteidigung deinem Feind gegenüber!"
- Tattakai wa kyo-jitsu no soju ikan ni ari! "Ein Kampf verläuft immer so, wie du Kyo (Körper und Geist ungeschützt) und Jitsu (Körper und Geist geschützt) einsetzt!"
- Hito no te ashi wo ken to omoe! "Stelle Dir vor, Deine Hände und Deine Füsse seien Waffen!"
- Danshi mon wo izureba hyakuman no tekki ari! "Wenn du dein Zuhause verlässt, machst du dir viele Feinde; ein solches Verhalten bringt dir Ärger ein!"
- Kamae wa shoshinsha ni ato wa shizentai! "Anfänger müssen alle Stellungen meistern bevor sie sie beurteilen; nur so können sie eins mit ihnen werden!"
- Kata wa tadashiku jissen wa betsu mono! "Kata muss korrekt und ohne Änderungen geübt werden, dies wirkt sich auch im Kampf aus!"
- Chikara no kyojaku; Karada no shinshuku; Waza no kankyo wo wasaruna! "Hart und weich, Spannung und Entspannung, langsam und schnell – alles verbunden mit der richtigen Atmung!"
- Tsune ni shinen kufu seyo! "Denke immer an Kufu (die Regeln), lebe und befolge sie jeden Tag!"
Zusammen mit seinen Schülern erbaute Gichin Funakoshi in Tokio das berühmte Dojo-Gebäude, das erste Honbu Dojo (Hauptschule) des modernen Karate Do, das den Namen Shoto Kan (Haus des Shoto) erhielt. Sein Übername Shoto, was übrigens Kiefernwellen bedeutet, kommt daher, dass er seine Gedichte jeweils mit Shoto signierte, weshalb ihm seine Schüler schliesslich diesen Übernamen gaben. Nach seinem Tod nannten einige seiner Schüler den gesamten Stil so, obgleich Gichin Funakoshi selbst diese Bestrebungen nicht unterstützte, da er sich nicht als Begründer eines Stils betrachtete, sondern grundsätzlich von einem einheitlichen Karate Do ausging. Von diversen Schülern und Meistern des Karate aber wurde die Forderung nach Wettkämpfen immer lauter. So ging Gichin Funakoshi schliesslich Kompromisse ein und liess zum Beispiel zu, dass sein Sohn Gigo Funakoshi die Zweikampf-Formen Gohon Kumite (5-Schritt-Kampfform), Sanbon Kumite (3-Schritt-Kampfform)und Ippon Kumite (1-Schritt-Kampfform) einführte.
Nach dem Ende des zweiten Weltkrieges aber trat der sportliche Aspekt des Karate vermehrt in den Vordergrund und vielen Meistern genügten diese Kampfübungen nicht mehr. Schliesslich gründeten die Meister Isao Obata, Masatoshi Nakayama und Hidetaka Nishiyama 1949 die Japan Karate Association (JKA), um Karate als Wettkampfsport weltweit zu verbreiten. Obwohl Gichin Funakoshi mit der JKA und dieser neuen Ausrichtung des Karate nichts zu tun haben wollte, benutzte ihn die JKA als Aushängeschild. Einige Schüler aber blieben den Ansichten Gichin Funakoshis und der traditionellen Philosophie des Karate Do treu. Allen voran war dies sein Sohn Gigo Funakoshi, der zusammen mit Takeshi Shimoda die Karate-Techniken und die ihm überlieferten Kata weiter verfeinerte, tiefere und stärkere Stellungen einführte und neue Kata entwickelte. Es trennten sich aber auch weitere Schüler von Gichin Funakoshi. Nicht, weil er die "Modernisierung" des Karate – sprich den Wettkampfsport – nicht vorantrieb, sondern, im Gegenteil, weil er Kompromisse einging und an der ursprünglichen Tradition nicht unbeirrt festhielt: Shigeru Egami gründete die Shotokai Organisation, die das traditionelle Karate Do – eine Kampfkunst ohne Wettkampf – versinnbildlicht und die Gedanken der Verträglichkeit und der Toleranz vertritt, die Funakoshis ursprünglicher Weltanschauung entsprechen. Hironori Otsuka schlug die Wado Ryu Richtung ein und Kenwa Mabuni schuf die Shito Ryu Organisation. In etwa auch zu dieser Zeit entwickelte Chojun Miyagi, Schüler von Kanryo Higaonna und Lehrer von Gogen Yamaguchi (genannt die Katze), das Goju Ryu. Sein Nachfolger Gogen Yamaguchi wurde das Oberhaupt der Goju Kai Organisation und gehörte zu den Initiatoren der Bildung der gesamtjapanischen Karate-Föderation im Jahre 1964. Zusammen mit Masatoshi Nakayama ist er für die stufenweise Einführung der sportlichen Wettkampf-Regeln verantwortlich, wodurch Karate zu einer Wettkampf-Sportart wurde.
In Japan entstanden unterdessen weitere Schulen und Stilrichtungen. So schufen beispielsweise Masutatsu Oyama das Kyokushin Ryu und Chojiro Tani das Shuko Kai. Später, nach dem Tod von Gichin Funakoshi, schossen viele weitere, gar unzählige, Karate-Organisationen wie Pilze aus dem Boden. Alle hier aufzuzählen würde den Rahmen bei weitem sprengen. Vertretend für alle anderen sei deshalb lediglich Shotokan Karate International (SKI) von Hirokazu Kanazawa erwähnt. Gichin (Shoto) Funakoshi starb am 26. April 1957 in Tokio im Alter von 89 Jahren. Ihm haben wir Karateka ungemein viel zu verdanken. Er wird uns als Vater und Begründer des modernen Karate Do immer in Erinnerung bleiben.
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