Karate Do
Meine eigenen Überlegungen zum Karate Do

 1975, im Alter von 17 Jahren, begann ich bei Sensei Pavao Piacun, im Dojo an der Monbijoustrasse 10 in Bern, Shotokan Karate Do zu üben.

Wie zweifellos bei vielen anderen auch, waren die in dieser Zeit bei den Teenies sehr populären „Bruce Lee Filme“ der Auslöser für mein Interesse an Kampfkunst und schliesslich für den Beginn meines Karate-Studiums.

In all den Jahren seit 1975 übte ich Karate Do unter der Anleitung von folgenden Meistern: Pavao Piacun, Ilija Jorga, Bruno Koller, Hiroshi Shoji, Yuji Sato, Koichi Sugimura, Hideo Ochi, Tetsuhiko Asai, Sadashige Kato, Masao Kagawa, Hirokazu Kanazawa und Hiroshi Shirai.

Heute, nunmehr über 50 jährig, übe ich meine grosse Leidenschaft Karate Do immer noch, mehrmals pro Woche und zu meiner grenzenlosen Freude – nachdem ich 2002, nach 20 jähriger Absenz, wieder nach Bern zurückgekehrt bin – wieder bei meinem eigentlichen Sensei (so wie man nur einen Vater hat, hat man auch nur einen Sensei, nämlich den ersten) Shihan Pavao Piacun, bezeichnenderweise immer noch im Dojo an der Monbijoustrasse 10 in Bern.


Technik des Karate Do

In der Kampfkunst Karate Do sind Kraft und Dynamik elementar beim Einsatz von Schlägen, Tritten und Stössen. Die Techniken werden mit maximaler Beschleunigung und absoluter Körperspannung für einen kurzen Moment (Kime) auf einer möglichst kleinen Auftrefffläche ins Ziel gebracht. So wird eine sehr wirksame Schocktechnik erzielt. Trotzdem oder gerade deshalb, berücksichtigt Karate Do aber auch das ökonomische und ergonomische Prinzip, indem zuerst dem Angriff ausgewichen wird, durch Anwendung von Ausweichschritten wie zum Beispiel Tai-Sabaki, um ähnlich wie beim Aikido den Angreifer ins Leere laufen zu lassen, die angreifende Energie in eine andere Richtung um und schliesslich einen Konterangriff einzuleiten. Schliesslich ist auch das Prinzip des direkten Konters (Sen-no-sen) zu erwähnen, bei dem versucht wird, den Angriff mit einem noch schnelleren Angriff direkt zu kontern, wodurch der Angriff des Angreifenden unwirksam wird.

Der eigentliche Sinn der Kampfkunst Karate Do liegt im schnellen Neutralisieren des Gegners und nicht im Sammeln von Punkten durch völlig risikoreiche Techniken, die viel zu gefährlich wären, um sie in einem echten Kampf einzusetzen. Dies aber wird im heutigen Sport-Karate praktiziert. Das Karate, das Heute in vielen Dojo trainiert wird, hat mit sportlichem Wettkampf zu tun, jedoch nichts mit Karate als Kampfkunst und schon gar nichts mit Karate Do. Trotzdem hat auch das Sport-Karate seine Berechtigung, bietet es doch jungen Karateka die Möglichkeit im Wettkampf, sei dies nun Kumite oder Kata, Einzel- oder Teamwettbewerb, wertvolle Erfahrungen zu sammeln und Karateka und Karate-Stile aus anderen Regionen, Ländern oder gar Kontinenten kennen zu lernen.


Karate Do als Lebensphilosophie

Karate ist Kampfsport, Karate-Do aber ist weit mehr: Karate Do ist der Weg, Karate Do ist ein stetes An-sich-arbeiten, nicht nur physisch, sondern insbesondere psychisch und geistig. Karate kann wettkampfmässig nur bis zu einem bestimmten Alter praktiziert werden, Karate Do aber kann das ganze Leben lang, bis ins hohe Alter, geübt werden. Karate Do ist ungemein viel schwieriger, komplexer und anspruchsvoller als Karate. So sagt denn mein Sensei Pavao Piacun: „Karate Do ist ein Kampf gegen sich selbst. Dabei muss man versuchen, sich selbst zu besiegen, was ungemein viel schwieriger ist, als einen Gegner zu bekämpfen oder zu besiegen. Karate Do ist schwieriger als die Bibel; die Bibel liest und studiert man, bei Karate Do aber muss man sich zudem noch körperlich anstrengen!“

Kernpunkt des Karate Do ist in aller erster Linie „Mushin“ zu erreichen. Mushin ist das Erreichen eines bestimmten Geisteszustandes, in welchem man sich befreit von allen Gedanken, eine innere Leere erzeugt. Durch diese Unvoreingenommenheit und Abwesenheit von Gedanken, Gefühlen und Urteilen, die die intuitive Urteilsfähigkeit trüben, beruhigt sich der Geist und wird offen für die geistigen Grundsätze des Karate Do. Durch Mushin wird der Geist befreit, so dass er in jede beliebige Richtung entscheiden und handeln kann, bevor ein intellektueller Prozess angestossen wird.

Mizu no kokoro“ ist ergänzend zu Mushin zu verstehen und versinnbildlicht das Bestreben, sowohl Geist als auch Technik mit den Eigenschaften des Wassers zu versehen. Einen Geisteszustand der Ruhe, Gelassenheit und Nichtaggression anzustreben. Wasser ist hart und weich zugleich, weicht jedem Angriff, kommt aber sofort zurück, manchmal langsam, manchmal schnell und passt sich jeder Form an. Es kann nicht gefasst werden; je fester man es greift, desto mehr verliert man. Eine Wasseroberfläche interpretiert nichts, sondern spiegelt wieder, ohne Gedanken, spontan, sofort.

Laotse hat die Eigenschaften des Wassers so trefflich formuliert: „Auf der ganzen Welt gibt es nichts Weicheres und Schwächeres als das Wasser. Und doch in der Art, wie es dem Harten zusetzt, kommt ihm nichts gleich. Es kann durch nichts verändert werden. Dass Schwaches das Starke besiegt und Weiches das Harte besiegt, weiss jedermann auf Erden, aber niemand vermag danach zu handeln.“

In unserem „Stil“ – Shisui Ryu Karate Do – versuchen wir, die Eigenschaften des Wassers zu verinnerlichen und zu interpretieren; die Sanftheit und Weichheit des Wassers; und aus dieser Sanftheit und Weichheit heraus die gewaltige Kraft und Stärke des Wassers. Shisui heisst denn auch „stilles Wasser“. Bezeichnenderweise war Shisui der Übername, den Sensei Pavao Piacun von seinem Lehrer Tetsuji Murakami erhalten hatte und der auf den Kampfstil von Pavao Piacun beruhte (sanft und fliessend, aber auch kraftvoll und knallhart wie Wasser.

Ein sich im Karate Do Übender sollte bescheiden, selbstlos und sanftmütig sein. Aber auch, wenn es die Situation erfordert, Mut und Charakterstärke beweisen. Zudem sollte er einen ausgesprochenen Ehrenkodex besitzen, der sich insbesondere dadurch manifestiert, dass er seiner gesamten Umwelt – Mensch, Tier, Pflanze und Materie – mit Respekt, Achtung, Höflichkeit und Verständnis gegenübertritt. Eine vertiefte Analyse des Dojo Kun offenbart, wie schwierig Karate Do – der Weg – ist, vor allem wenn diese Regeln auch auf das Verhalten ausserhalb des Dojo ausgeweitet werden. Karate ist Kampf gegen einen Gegner, Karate Do aber der Kampf gegen sich selbst und dieser ist unendlich viel schwieriger und dauert wie gesagt nicht nur drei Minuten, sondern das ganze Leben lang – und vielleicht sogar darüber hinaus.


Maurizio Gerussi
2008

 
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